Fragen und Antworten zur Pestizidfrei-Initiative

Generelle Fragen

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Was sind synthetische Pestizide, und welche wären von der Initiative betroffen?

Der Initiativtext will den Einsatz synthetischer Pestizide in der landwirtschaftlichen Produktion, der Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse und der Boden- und Landschaftspflege verbieten. Beim Wort Pestizid handelt es sich um einen Sammelbegriff, der verschiedene Produktkategorien umfasst. Die Pflanzenschutzmittel sind eine davon. Gemäss offizieller Definition umfassen die Pestizide alle in der Landwirtschaft und der Landschaftspflege eingesetzten Pflanzenschutzmittel sowie die Familie der Biozide, die insbesondere zur Gewährleistung der Raum- und Lebensmittelhygiene sowie ihrer Instandhaltung bzw. Konservierung eingesetzt werden. Hingegen gibt es noch keine offizielle Definition von «synthetischen Pestiziden». Die Initianten sprechen von der Gesamtheit der Produkte mit Wirkstoffen, die nicht im Naturzustand existieren.

 

Schützt die Initiative die einheimische Produktion nicht, weil für importierte Lebensmittel die gleichen Standards gefordert werden?

Die Standards in Bezug auf die biologische Produktion sind im Ausland nicht gleich wie in der Schweiz. Ausserdem bestehen weiterhin Unterschiede bei den Produktionskosten (Arbeitskräfte, Baukosten usw.). Die importierten Produkte werden also auf jeden Fall Druck auf einheimische Produktion ausüben. Grosse wären auch die Folgen für die Konsumenten, die nur noch pflanzliche Produkte aus biologischem Anbau kaufen könnten und auch den entsprechenden Mehrpreis dafür zahlen müssten. Eine Wahl gäbe es hier nicht mehr. Der Einkaufstourismus, der nicht betroffen ist, würde deshalb sicher angekurbelt. Die Umsetzung der Initiative würde zudem unsere internationalen Handelsabkommen verletzten. Es ist deshalb zu befürchten, dass die Auflagen an die Importe gar nicht durchgesetzt werden.

 

Weshalb kämpft die Landwirtschaft gegen diese Initiative?

Der Agrarsektor nimmt die von der Initiative aufgeworfenen Themen sehr ernst und anerkennt den Verbesserungsbedarf. Die entsprechenden Aktivitäten laufen bereits: Aktionsplan Pflanzenschutz, parlamentarische Initiative «Das Risiko beim Einsatz von Pestiziden reduzieren» sowie der Aktionsplan Strategie Biodiversität Schweiz. Die konsequente Umsetzung aller Instrumente bietet genügend Hebel, um die Ziele einer nachhaltigen Landwirtschaft zu erreichen und die heutigen Herausforderungen zu meistern. Sollte die Initiative angenommen werden, wären die Landwirte nicht mehr in der Lage, ihren Grundauftrag zu erfüllen und die Versorgung der Schweiz mit gesunden, sicheren, hochwertigen und nachhaltig produzierten Lebensmitteln zu einem fairen Preis sicherzustellen. Die Initiative geht viel zu weit und erfüllt nicht einmal ihr Hauptziel, nämlich die Gesamtverbesserung der Umwelt.

 

Brauchen wir weitere Gesetze und Bestimmungen?

Aus unserer Sicht nicht. Zusätzlich zu den zahlreichen Gesetzen und Bestimmungen, die bereits umgesetzt wurden, gibt es eine parlamentarische Initiative, welche die Risiken im Zusammenhang mit Pflanzenschutzmitteln mit klaren Fristen und Zielen reduzieren wird. Diese kann sofort in Kraft treten, sobald das Parlament sie verabschiedet hat. Wichtiger als neue Gesetze einzuführen ist es, alle bestehenden Bestimmungen konsequent umzusetzen.

 

Reicht eine Übergangsfrist von zehn Jahren für eine Anpassung der Landwirtschaft?

Eine Periode von zehn Jahren zur Anpassung mag lange erscheinen. Was die Landwirtschaft anbelangt, sind zehn Jahre schon morgen. In der Tat erfordern die verschiedenen Massnahmen wie die Züchtung resistenter Sorten, die Entwicklung alternativer Anbaumethoden und die Veränderung der Konsumgewohnheiten, Zeit, einige sogar tiefgreifende Veränderungen in der Gesellschaft. Zu beachten ist ausserdem, dass sich die Schweizer Landwirtschaft schon heute permanent an Regeln anpasst, die sich sehr häufig ändern. Pflanzenschutzmittel werden bereits regelmässig zurückgezogen, entweder aus Vorsicht oder weil sich der Wissenstand verändert hat. Die Verbesserung der agronomischen Praxis hat es bereits ermöglicht, die Gesamtmengen an in der Schweiz zwischen 2008 und 2019 verkauften Mengen an Pflanzenschutzmitteln stetig zu senken.

pestizidfrei initiative

Pflanzenschutz

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Weshalb brauchen die Bauernfamilien synthetische Pflanzenschutzmittel?

Die Schweizer Bauernfamilien ergreifen zahlreiche vorbeugende Massnahmen, um ihre Kulturen vor Krankheiten und Schädlingen zu schützen: geeignete Bodenbearbeitung, Fruchtfolge, gesundes Saatgut oder resistente Sorten. Je nach Situation (Befallsdruck, Wetterbedingungen, ...) reichen diese Massnahmen aber nicht immer, um die hohen Qualitätsanforderungen der Händler, Verarbeiter und Konsumenten zu erfüllen. In den Läden spielt das Aussehen der Früchte und Gemüse eine grosse Rolle. Eine kleine Raupe auf dem Salat genügt, und schon ist die gesamte Ernte eines ganzen Feldes unverkäuflich. Aus diesen Gründen haben die landwirtschaftlichen Betriebe keine andere Wahl, als die befallenen Kulturen zu behandeln. In der Schweiz unterliegt der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln strengen Auflagen und Kontrollen. Zudem setzen immer mehr Landwirte natürliche Wirkstoffe ein. Der Anteil der Pflanzenschutzmittel dieser Kategorie beträgt bereits 40 %. Es gibt jedoch Situationen oder Kulturen, für die es keine Alternativen zu synthetischen Produkten gibt. Verschiedene Bio-Pestizide werden zudem synthetisch hergestellt, z.B. die Pheromone, die verbreitet im Obst- und Weinbau gegen Schädlinge zum Einsatz kommen.

 

Was würde geschehen, wenn die Bauernfamilien keine synthetischen Pflanzenschutzmittel mehr einsetzen dürften?

Die Schweizer Produktion würde um rund ein Drittel zurückgehen, sollten die Bauernfamilien ganz auf synthetische Pflanzenschutzmittel verzichten müssen. In niederschlagsreichen Jahren könnten die Ernteverluste noch höher ausfallen. Bei Spezialkulturen wie den Reben, dem Gemüse, Obst, den Kartoffeln, Zuckerrüben oder dem Raps wären auch Totalausfälle möglich. Ohne synthetische Pflanzenschutzmittel oder synthetische Biozide würde die Konservierungsdauer von Lebensmitteln zurückgehen, und die Verluste während der Lagerung würden zunehmen. Zudem wäre es nicht mehr möglich, den Konsumentenanforderungen bezüglich Qualität gerecht zu werden. Alles in allem müssten wir, um unseren Bedarf zu decken, mehr Lebensmittel aus dem Ausland importieren.

 

Weshalb genügen «natürlichen» Pflanzenschutzmittel nicht?

Pflanzen sind unterschiedlich anfällig auf Krankheiten und Schädlinge. Anspruchsvoll sind vor allem Beeren, Obst, Gemüse, Kartoffeln, Raps oder Zuckerrüben. Hier kommt auch die biologische Produktion nicht ohne Pflanzenschutz aus. Es kommen einfach andere Mittel zum Einsatz. 2019 sind 4 der 10 meistverkauften Pflanzenschutzmitteln solche, die im Biolandbau zugelassen sind. Der Einsatz der Biomittel stieg seit 2008 um 55 Prozent, währende der Gesamtverbrauch zurückging. In der biologischen Produktion sind die Erntemengen aufgrund von anderen Sorten und den andere Schutzmöglichkeiten um rund einen Drittel tiefer. Die wegfallenden Mengen müssten wir mit zusätzlichen Importen decken. Der Flächenbedarf, um die gleiche Menge an Lebensmitteln zu produzieren, stiege als stark an und die Produktionseffizienz sänke.

 

Was ist Glyphosat und wird es noch eingesetzt?

Glyphosat ist ein Produkt, das seit Jahrzehnten bei der Unkrautbekämpfung eingesetzt wird. Es wirkt spezifisch auf grüne Pflanzenteile, weshalb es für Tiere und Menschen grundsätzlich als ungefährlich gilt. In der Schweiz wird Glyphosat vor der Aussaat oder vor der Pflanzung ausgebracht. Nach einigen Tagen ist das Produkt nicht mehr wirksam, und es kann ausgesät oder angepflanzt werden. Es kommt hauptsächlich im pfluglosen Anbau – der als besonders bodenschonend gilt – zum Einsatz und gegen die Einzelbehandlung von besonders hartnäckigen Unkräutern.

In vielen Ländern ausserhalb Europas kommen gentechnisch veränderte Kulturpflanzen zum Einsatz. Viele davon wurden unempfindlich gegen Glyphosat gemacht. So ist es möglich, auch die Kulturen selbst mit Glyphosat zu behandeln.  Solche gentechnisch veränderten Pflanzen sind in der Schweiz verboten und dieses Verfahren kommt bei uns nicht zur Anwendung. Ebenso wenig die im Ausland gängige Behandlung der Kulturen zur Beschleunigung der Abreife. Aus diesem Grund findet man auf Schweizer Rohstoffen keine Glyphosatrückstände, in importierten Rohstoffen wie Weizen hingegen schon. Der Verkauf von Glyphosat in der Schweiz ist zwischen 2008 und 2019 um 63.4 % zurückgegangen.

 

Was ist Chlorothalonil und wird es noch eingesetzt?

Chlorothalonil ist ein Pflanzenschutzmittel, das gegen verschiedene Pilzkrankheiten eingesetzt wurde. Sein Einsatz ist seit Ende 2019 untersagt, da die europäischen Gesundheitsbehörden schädliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit nicht mehr ausschliessen konnten. Früher wurde dieser Wirkstoff während Jahrzehnten als harmlos betrachtet. Die Internationale Agentur für Krebsforschung klassiert Chlorothalonil in die Kategorie 2. Rotes Fleisch und Getränke, deren Temperatur 65 °C übersteigt, figurieren ebenfalls in dieser Kategorie. Gemäss Bernischem Kantonschemiker müsste eine 70 Kilo schwere Person während ihres ganzen Lebens jeden Tag 10′500 Liter Wasser trinken, um eine schädliche Dosis abzubekommen.

 

Pflanzenschutzmittel werden zugelassen, dann wiederum verboten. Warum?

Es ist normal, dass im Laufe der Zeit neue Erkenntnisse gewonnen werden, und dass Einsatzbedingungen neuen Gegebenheiten angepasst oder Produkte vom Markt genommen werden. Die Rücknahme zugelassener Produkte in der Vergangenheit beweist, dass unser System funktioniert und falls nötig Massnahmen ergriffen werden. Bei Medikamenten z.B. kennt man dieses Verfahren nicht. Obwohl im Grundwasser (Naqua-Bericht 2017) in 209 Proben Wirkstoffe und Abbauprodukte von 26 Medikamenten im intensiv bevölkerten Mittelland verbreitet nachgewiesen wurden, werden diesbezüglich keine Massnahmen getroffen oder Medikamenten die Zulassung entzogen.

Gewässer

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Wie sieht es mit der durch die Landwirtschaft verursachten Wasserverschmutzung im Vergleich zu anderen Sektoren aus?

Die Pflanzenschutzmittel gehören zu den raren Wirkstoffen, nach denen man bei Trinkwasseranalysen überhaupt sucht. Für Rückstände von Industrie- und Haushaltschemikalien, Süssstoffen, radiografischen Kontrastmitteln oder Medikamenten bestehen keine Vorschriften. Die Landwirtschaft kommt ihren Verpflichtungen nach, indem sie den Aktionsplan Pflanzenschutzmittel mit seinen 51 verschiedenen Massnahmen umsetzt. Die Zahlen sprechen für sich: Gemäss der Rheinüberwachungsstation fliessen jährlich 64,8 Tonnen Industrie- und Haushaltschemikalien, 19,8 Tonnen künstliche Süssstoffe und 16,9 Tonnen Medikamente sowie 0.9 Tonnen Pflanzenschutzmittel den Rhein hinunter.

Umwelt

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Wird der Verlust an Biodiversität bei Annahme der Initiative gestoppt?

Die Initianten schieben die Schuld für den Verlust an Biodiversität ausschliesslich auf die Landwirtschaft und insbesondere auf die synthetischen Pestizide. Sie vergessen dabei die zahlreichen Fördermassnahmen der Landwirtschaft zugunsten der Biodiversität: extensive Wiesen, Hecken, Obstgärten und Hochstammbäume, usw. Im Rahmen des Ökologischen Leistungsnachweises müssen alle Betriebe mindestens 7% ihrer Fläche für die Biodiversitätsförderung ausweisen. Auf freiwilliger Basis sind es heute 19 % der Landwirtschaftsfläche der Schweiz, nämlich 190ꞌ000 Hektaren. Der Verlust an Biodiversität hat zahlreiche Ursachen, die alle ihren Ursprung bei den menschlichen Eingriffen in die Natur haben. Dazu gehört die Bautätigkeit, die Lichtverschmutzung, die vielen Haustiere wie Katzen genauso wie die Landwirtschaft. 

 

Unternimmt die Schweizer Landwirtschaft genug für die Bienen, die Insekten und die Vögel?

Die Landwirtschaft stellt 190ꞌ000 Hektaren zur Förderung der Biodiversität zur Verfügung. Sie hat sämtliche Umweltziele bezüglich Biodiversität erreicht oder übertroffen. Mit der Petition «Insektensterben aufklären» engagiert sich die Schweizer Landwirtschaft zugunsten wirksamer Massnahmen, um das Insektensterben zu stoppen. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wie z. B. zur Schadinsektenbekämpfung, erfolgt so, dass Nützlinge weitgehend verschont bleiben. Die Zulassung von Produkten erfordert einen Unbedenklichkeitsnachweis für Bienen und andere Insekten. Der Einsatz zahlreicher kritischer Produkte ist heute untersagt. Immer häufiger wird auf alternative Methoden oder natürliche Stoffe zurückgegriffen.

 

Hält die Schweizer Landwirtschaft ihre Umweltziele ein?

Die vier Umweltziele für die Landwirtschaft in den Hauptgebieten «Biodiversität und Landschaft», «Klima und Luft» sowie «Wasser und Boden» sind in 39 Teilziele unterteilt. Gemäss Bundesrat wurden sieben Ziele erreicht. Für deren neun ist keine Beurteilung möglich und 23 Ziele gelten als «nicht erreicht.» In der letzten Kategorie liegt jedoch der Realisierungsgrad der Zwischenziele oft zwischen 80 und 93 %, z. B.: Steigerung der Stickstoffeffizienz (91 %), Steigerung der Phosphoreffizienz (84 %), Reduktion der Ammoniakemissionen (85 %) oder Phosphorgehalt in den Seen (80 %). Bei neun Teilzielen im Zusammenhang mit der Landschaft, dem Wasser und dem Boden gibt es auf nationaler Stufe keine Übersicht, oder es fehlt an Indikatoren. Bis heute hat der Bund für keinen anderen Wirtschaftssektor Umweltziele festgelegt.

Lebensmittel

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Hat die Initiative einen positiven Effekt auf den Preis und die Qualität unserer Lebensmittel?

Genau das Gegenteil würde eintreten: Unsere Lebensmittel würden teurer, da die Produktionskosten in der gesamten Wertschöpfungskette steigen würden. In der Tat hätte die Initiative Konsequenzen für die Landwirtschaft, aber auch für die Verarbeitung und den Handel, sollten synthetische Biozide für die Hygiene und Konservierung verboten werden. Oft existiert keine wirtschaftlich vertretbare Alternative zu den synthetischen Bioziden. Die Qualität und Haltbarkeit würden sinken und Foodwaste zunehmen.

Wenn für Importe die gleichen Vorschriften gelten, würde die Initiative den Kauf von Produkten erschweren. Exotische Früchte beispielsweise, die selten ohne synthetische Pestizide produziert werden, würden sehr teuer, ja unerschwinglich. Die Schweiz müsste 50 % der globalen Bio-Kakao-Produktion importieren, um das heutige Volumen an in der Schweiz hergestellter Schokolade aufrechtzuerhalten. Bei Kaffee würde der Anteil bei 21 % liegen.

 

Werden Lebensmittel durch synthetische Pestizide «ungesund»?

Die Initianten behaupten, dass eine Ernährung ohne synthetische Pflanzenschutzmittel gesünder wäre. Effektive Beweise dafür gibt es aber nicht. Die wenigen Studien, welche eine Ernährung von bio-reichen Produkten und konventionellen Produkten miteinander vergleichen, zeigen eine leicht höhere Lebenserwartung für «Biokonsumenten.» Fakt ist, dass diese Personen oft eine höhere Kaufkraft besitzen oder ganz allgemein stärker auf ihre Ernährung, ihre Gesundheit und ihren Lebensstil achten. Demzufolge ist nicht die Ernährung entscheidend, sondern die Lebensart. Würde die Initiative angenommen, könnten sich viele die verteuerten Schweizer Früchte, Gemüse oder andere pflanzliche Produkte nicht mehr leisten, was sich negativ auf ihre Gesundheit auswirken würde. Pflanzenschutzmittel vermeiden auch Pilzerkrankungen, die für den Menschen gefährlich sein können, wie beispielsweise das hochgiftige Mutterkorn.